Über uns

Der Hirschberg im Mai

HIRSCHBERG 05/2016

 

Thema: Psalmen

Editorial:

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Bundesgeschwister,

nein, in den Psalmen Eins bis Hundertfünfzig plätschert es nicht dahin wie beim Picknick auf dem Ruheplatz am Wasser. Es singt, jauchzt, schreit, flüstert, klagt, jammert, fordert, flucht, verflucht, fleht, nörgelt, dankt, fragt, verwirft, verurteilt, lobt, säuselt, röchelt, trotzt, weint, bekennt, gesteht, mault, verrät, verspricht, vertraut sich an, lügt auch und betet. Wie schon immer aus allen Menschenmündern. Aus unseren.

Martin Merz

 

 
INHALT:
 
EDITORIAL
Martin Merz 266
 
GEISTLICHES WORT
Psalm 8 268
Die Schöpfung, Dietrich Bonhoeffer 268
 
ZUM THEMA
Das Psalmenbuch – eine Kathedrale aus Gebeten, Johannes Schnocks 270
Psalm 39 – Klagen über Schuld und Vergänglichkeit des Menschen, Martin Leuenberger 283
Psalm 94 – Der Schrei nach Gerechtigkeit, Ulrich Kmiecik 290
Erzähl mir von morgen, Andreas Blum 296
Psalm 150 – Das eschatologische Schöpfungsfest, Erich Zenger 300
 
TERMINE
Bundesweite Termine 303
 
AUS DER GEMEINSCHAFT
ND-KMF: »Aufgaben, denen wir uns nicht verweigern«, Teil VI 305
Staccato: KMF-Rat, Martin Merz 313
Gewählt in ND-Leitung und e.V.-Vorstand 317
Stellungnahme zum päpstlichen Schreiben »Amoris laetitia«, Claudia Lücking-Michel 319
 
IHR WERDET FINDEN!
Im Rückblick: der Namens- und Logofindungsprozess, Uta Stolz 320
Schrummfidebumm, Hans Heiner Boelte 324
 
STIFTUNG HIRSCHBERG 325
 
LESERBRIEFE
Zum aktuellen Blick auf Flüchtlinge auch im Hirschberg, Bernd Knüfer 326
 
KOLUMNE: IM MAI
Barmherzigkeit, Peter Otten 327
 
FAMILIENBUCH
Geburtstage, Unsere Toten 328
 
LETZTE SEITE 328

Hirschberg

ist die Zeitschrift des Bund Neudeutschland und die Mitgliederzeitschrift der KMF. Er erscheint monatlich – mit einer Doppelausgabe Juli/August – mit einem Schwerpunktthema und Berichten aus den Gemeinschaften im ND. Das Jahresabonnement kostet 38,5 Euro inklusive Versand und Mehrwertsteuer. Einzelne Hefte zu einem Preis von 5 Euro über die KMF-Geschäftsstelle.

 

Aus dem Hirschberg 5/2016:

Der Schrei nach Gerechtigkeit

Indem der Betende den Psalm betet und an Gott festhält,
wird der Gott der Gerechtigkeit dem Betenden zur Schutzburg
 
Ulrich Kmiecik

Wer von einer rein spirituellen, überaffirmativen, ja harmonischen Gebetstradition herkommt, die ja in unseren Kirchen meistens praktiziert wird, ist von den kämpferischen, direkten und auch sehr emotionalen Worten der Psalmen nicht nur überrascht und irritiert, sondern vielleicht sogar betroffen und herausgefordert.

Die Psalmen konfrontieren die Leserin, den Leser mit einer Welt voller Gewalt und Feindschaft. Verletzungen, Angst und Not haben hier ihren Platz.

Das Leben Israels, aber auch der einzelnen Betenden erscheint im Psalter wie ein täglicher Kampf, ja Krieg mit den Feinden. Sie sind hineingestellt in eine feindliche Welt.

Erich Zenger, der Grandseigneur der alttestamtlichen Bibelwissenschaft, nennt die Psalmen folgerichtig »die Geschichte einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen Gerechten und Frevlern bzw. zwischen ohnmächtigen Armen und übermächtigen Reichen «.1

Der Psalm 94, den ich hier vorstellen möchte, ist ein Psalm, der Gottes Gerechtigkeit bei Gott selbst einfordert, beim Gott Israels, dem Gott der Gerechtigkeit.

Im Kontext gehört Psalm 94 zu jenen Psalmen 93-100, die die Königsherrschaft Gottes besingen. Er erinnert uns daran, dass, wenngleich das Reich Gottes wächst und sich durchsetzen wird, dieses Kommen des Gottesreiches auch ein Kampf gegen das Reich des Bösen ist.  Und er sagt uns, dass das Reich Gottes nur kommt, wenn all die, die auf der Schattenseite des Lebens leben müssen, Gerechtigkeit, Kraft und Lebensfreude erhalten.

Der Psalm beginnt:

»Gott der Vergeltung, JHWH 2,
Gott der Vergeltung, erscheine!
Erhebe dich, Richter der Erde,
lass Vergeltung zurückfallen auf die Stolzen!«

Martin Luther übersetzt: Gott der Rache. Aber obgleich Rache im ursprünglichen Sinn mit Recht und Gerechtigkeit verbunden ist, wurde sie doch im Lauf der Sprachentwicklung mit Irrationalität zusammengebracht: „Mit aufbrausenden Zorn, mit dem der Rächende wütet“. Deshalb ist diese Übersetzung heute nur wenig geeignet, uns den Psalm verständlich zu machen.

Martin Buber wählt »Gott der Ahndung«. Alternativ könnte man auch übersetzen: »Gott der Vergeltung«, und so hat es auch Erich Zenger gemacht und in der Folge ebenfalls die Einheitsübersetzung, die ja bei den Psalmen (und beim Neuen Testament, sonst nicht) von katholischen und evangelischen Exegeten gemeinsam erarbeitet ist und in beiden Kirchen anerkannt.

Es ist JHWH, der Allmächtige, der die gestörte Ordnung, die Gerechtigkeitsordnung wiederherstellt. Dies geschieht, indem er erscheint.

Gott der Vergeltung erscheine!

»Erscheinen« gehört zur Beschreibung der aufgehenden Sonne, und Sonne ist in der biblischen Sprache die Metapher für die Gerechtigkeit 3. Wenn die Sonne aufgeht, ist die lange Nacht zu Ende. Wenn die Sonne erscheint, müssen die Bösen und die Verbrecher verschwinden. Die Sonne stellt die Welt in das rechte Licht. Hier in Psalm 94 tritt nicht die Sonne auf in einen neuen Tag, sondern der lebendige Gott Israels soll erscheinen zu ersten Tag einer neuen, gerechten Schöpfung. JHWH, der Lebendige, soll aufgehen als die Sonne und dafür sorgen, dass das Leben vollkommen lebensförderlich ist.

Vers 2 macht deutlich, dass eine juristische Vorstellungswelt den Hintergrund bietet:

»Erhebe dich, Richter der Erde,
lass Vergeltung zurückfallen auf die Stolzen!«

Du, JHWH, übe dein Richteramt aus! Decke das Unrecht auf und sorge dafür, dass Recht geschieht!

Die Verse 3 - 7 nehmen die konkrete Situation der Betenden in den Blick. Sie begründet ihre Klage:

»Wie lange noch sollen die Frevler, JHWH, wie lange noch sollen die Frevler frohlocken?
Es sprudelt, sie sprechen Frechheiten aus, es rühmen sich alle Übertäter.
Dein Volk, JHWH, zertreten sie und dein Erbe bedrücken sie.
Witwen und Fremde töten sie und Waisen ermorden sie.
Sie sagten: Nicht sieht es JH 4 und nicht merkt es der Gott Jakobs.«

Die Klage beginnt zunächst mit einer drängenden, ja Gott anklagenden Frage. Sie soll Gott als den Adressaten, an den sie gerichtet ist, unter Handlungsdruck setzen. Voller Ungeduld schreit dieser Psalm: schon viel zu lang werden Witwen, Fremde und Waisen, ausgebeutet, unterdrückt und ermordet. Die Schwachen werden zertreten und die, die so handeln, sagen: »Nicht sieht es JHWH, nicht merkt es der Gott Jakobs.«

Man könnte, auf heute bezogen, diese Redeweise nennen: All diese gesellschaftlichen Realitäten, dass es Menschen gibt am Rande, Flüchtlinge, Arme, das ist halt so. Dies hat es immer schon gegeben, aber das ist doch nichts, das mit Gott zu tun hätte.

Und ein Christ, eine Christin, die die Psalmen kennt, könnte, vielmehr müsste nun dagegen sagen: Wer so etwas behauptet, der kennt die eigene biblische Tradition nicht und verkennt ganz und gar das Profil des biblischen Gottes.

Das ist die Tradition, die sich von den Psalmen her begründet. Den Psalmisten bedrängt es, dass es Menschen gibt, die zertreten und am guten Leben behindert werden. Es sind die, die keine Lobby haben, die am Rande sind. Wer ist sozusagen der Fürsprecher par Excellence dieser armen Leute nach biblischer Überzeugung? Es ist der biblische Gott! Und ihm hält der Psalm vor, dass er seinen göttlichen Pflichten nicht nachkommt.

Aber der Psalm bleibt nicht bei der Klage stehen. Er benennt die Verursacher dieser Situation in Vers 8:

»Merkt es euch, ihr Narren im Volk und ihr Toren, wann werdet ihr klug?

Hier geht es nun nicht um Karneval oder Fasching, wenn hier von Narren und von Toren geredet wird, sondern dies sind die, die in den Versen zuvor als Frevler und Übeltäter bezeichnet wurden. Torheit ist das Gegenteil von Weisheit. Im biblischen Sinn ist einer ein Tor oder ein Narr, wenn er das falsche Weltbild hat. Wenn er glaubt, dass dies nichts mit Gott gemein hat. Darum erläutert nun Vers 9:

»Der das Ohr gepflanzt, sollte nicht hören? Der das Auge gebildet, sollte nicht sehen?
Der die Völker erzieht, sollte nicht zurechtweisen? Der die Menschen Wissen lehrt –
JHWH weiß die Gedanken der Menschen, dass sie ein Hauch sind.«

Gott, der nach Genesis 1 seine Welt als eine lebensförderliche Ordnung gewollt hat und will, er nimmt dies wahr und wird es nicht hinnehmen.

Der Psalmist will klar machen, dass sich etwas ändern muss. Aber es ändert sich nicht im Warten darauf, dass Gott eingreift, sondern dadurch, dass es Menschen gibt, die sich von der Situation betreffen und formen lassen, die aktiv werden.

Sie treten in den Versen 12 -15 auf:

»Selig der Mann (der Psalm wird in einer patriarchalischen Welt gesprochen und aufgeschrieben!), den du, JH, erziehst und den du mit deiner Weisung belehrst, um ihm Ruhe zu geben vor bösen Tagen, bis geschaufelt wird dem Frevler das Grab.

Denn nicht lässt JHWH sein Volk im Stich. Und sein Erbe verlässt er nicht. Denn zur Ordnung kehrt das Recht zurück und hinter ihm alle mit geradem Herzen.«

Der Psalm preist die Menschen selig, die sich trotz all der Widersprüchlichkeit des Lebens, ja der Welt, nicht verwirren lassen, und vor allem die, die sich nicht inaktiv machen lassen. Selig sind, die die Hoffnung nicht verlieren, dass der Lebendige sein Volk am Leben erhält und ihm Recht schaffen wird.

Der ganze Psalm 94 ist bis hierher einerseits eine konkrete Schilderung der Welt wie sie wirklich ist, andererseits wird Gott angefordert als der Schützer von Gerechtigkeit und Recht. Und der Psalm beschwört regelrecht, dass der, der sich daran, an Gott, hält, nicht zerbrechen wird.

Mit den Versen 16 - 21 redet der Psalmbeter nun über sich:

»Wer steht auf für mich gegen die Bösewichter? Wer stellt sich hin für mich gegen die Übertäter?
Wäre JHWH nicht Hilfe für mich, schon bald würde die Stille bewohnen meine Seele.
Wenn ich sagte: Es wankt mein Fuß, deine Huld, JHWH, stützt mich.
Bei der Fülle meiner Sorgen in meinem Inneren, deine Tröstungen erfreuen meine Seele.
Hat der Thron des Verderbens Gemeinschaft mit dir, der Elend schafft über Gebühr?
Sie rotten sich zusammen gegen das Leben des Gerechten, und unschuldiges Blut verdammen sie.«

Der Psalmbeter sieht sich selbst als Opfer. Aber er hält daran fest, dass der Lebendige seinem Fuß Halt gibt. Gott gibt ihm mit seiner Botschaft der Gerechtigkeit Kraft und Tröstung, auch inmitten der vielen Verletzungen und Verwundungen.

Und nun kommt der überraschende Schluss des Psalms, wie er bei den meisten Klagepsalmen zu finden ist 5.

»Da wurde mir JHWH zur Schutzburg und mein Gott zum Felsen meiner Zuflucht.«

»Da wurde« ist eine Formulierung der Vergangenheit. Deutet sie darauf hin, dass der Betende schon gerettet worden?

Auch wenn diese Interpretation durchaus in Betracht gezogen werden kann, so ist von der Dynamik des Psalms her das Beten des Psalms selbst der Rettungsweg. Indem der Betende den Psalm betet und an Gott festhält, wird sozusagen der Gott der Gerechtigkeit dem Betenden zur Schutzburg, in der er sich bergen kann. Er ist da, wo Gott ihn umgibt und schützt.

Und nun heißt es in Vers 23:

»Er ließ über sie ihr Verbrechen zurückfallen und in ihrer Bosheit vernichtet er sie, vernichtet sie, JHWH, unser Gott.«

Der Psalm nimmt hier in der Sprache der Hoffnung die Unerschütterlichkeit der Rettung vorweg. Aus seinem Vertrauen und der Gewissheit setzt der Beter darauf:

- Ihr könnt machen, was ihr wollt, mich werdet ihr nie kaputt machen!
- Meine Würde ist mir von Gott gegeben und in ihm bin ich gegründet!

Deshalb werden alle Frevler scheitern.

Nun schließt der Psalm überraschend mit dem Bekenntnis zu JHWH und weitet sich zur pluralistischen Glaubensaussage: »Unser Gott.«

Der Schrei nach Gerechtigkeit mündet in die Gewissheit, dass, wer sich an der Gerechtigkeit Gottes festmacht, nicht zerstört werden kann. Und wenn es das Letzte ist, was ihm bleibt, dann ist es dieser Schrei:

O Gott, der Vergeltung erscheine!
Erweise dich in meinem Leben!
Erweise dich in dieser Welt!

Verweise:

1 Zenger, E., Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg u.a. 1998, S.25.

2 Das Tetragramm – die vier Konsonaten JHWH – bezeichnet den Gottesnamen, der nicht ausgesprochen und mit Adonai, AllmächtigeR, EineR, LebendigeR u.v.a. in der hebräischen Bibel umschrieben wird.

3 Siehe Maleachi 3,20 »Für euch aber wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung«.

4 JH hier als Kurzform für JHWH.

5 Vgl. u.a.den Schluss von Psalm 22 die Vers 23-32.

Literaturhinweise:

Wesentliche Impulse zu dieser Psalmen-Interpretation kamen aus folgenden Büchern:

Frank-Lothar Hossfeld und Erich Zenger, Die Neue Echter Bibel, Die Psalmen, Bd.1-3, Würzburg 1993, 2002 und 2012;

Erich Zenger, Psalmen Bd. 1-2,  Freiburg 2011;

Klara Butting, Erbärmliche Zeiten – Zeit des Erbarmens, Uelzen 2013

Bbr. Dr. Ulrich Kmiecik ist Pastoralreferent für Bibelpastoral und für das Kath. Bibelwerk im Erzbistum Berlin. Er leitet das Team der Geistlichen Leitung in der KMF.