Über uns

Der Hirschberg im September

HIRSCHBERG 09/2016

 

Der Gott der Gewalt

Editorial:

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Bundesgeschwister,

»warum?!« Warum diese Gewalt, die aus Menschen ausbricht und »im Namen Gottes« wahllos tötet? Die kann doch nicht im Namen Gottes sein! Es wäre ein grausamer Gott. Oder ein perverser Glaube an den Schöpfer und Erlöser, der sich in der Gewalttat als blind wütender Vernichter und Verdammer offenbarte. Trotzdem gilt: Wenn Gott nur banal und harmlos lieblich sein sollte, wäre er den leisesten Ruf zum Himmel nicht wert. Denn wer liebt, zürnt auch. Und zweitens: Wir, die Gläubigen, egal welcher Religion und Ideologie, sind die Waffen, in denen die scharfe Munition steckt. Darauf können wir in frommem Eifer die Zeichen für Allmacht, Wahrheit, absolute Gerechtigkeit, göttliche Ordnung malen und sie dann zur Vernichtung einsetzen. »Warum?!« Genau können wir das wohl nicht beantworten. Aber fragen, was in uns steckt, und es unter Kontrolle halten, das können wir.

Martin Merz

 

 
INHALT:
 
EDITORIAL
Martin Merz 528
 
GEISTLICHES WORT
Gott der Befreiung und der Eifersucht, Ex 20,2 u. 5-6; Dt. 5,6 u. 9-10 530
 
ZUM THEMA
Gott und Gewalt im Alten Testament, Andreas Michel 531
Mose und der Monotheismus der Treue, Jan Assmann 536
Monotheismus als Quelle von Gewalt?, Edna Brocke 548
Gewalt in den monotheistischen Religionen, Heinz Schneppe 553
 
TERMINE
Bundesweite Termine 565
Unternehmerische Freiheit und Verantwortung, ND-Wirtschaftlergilde 567
ND-Werkwochen 2016 / 2017 568
Mutter-Natur und/oder Gott-Vater, ND-Region Münster 574
 
BUCHBESPRECHUNGEN
Intellektuell redlich glauben, Mechthild Mönster 575
Unbedingt, Heinrich Pasternak 576
 
AUS DER GEMEINSCHAFT
Unser ND-Stand auf der Kirchenmeile des Katholikentages: eine Herausforderung,
Kurt Schanné und Franziskus Siepmann 578
Richtigstellung, Klaus Eilhoff und Hans-Joachim Urban 579
 
GOTT UND DIE WELT
Eine unendliche Geschichte?, Rolf Eilers 580
 
LESERBRIEFE
»Quadratur des Sechsecks«?, Jochen Steiner 586
»Lasst uns die katholische Kirche umbenennen«, Werner Reckert 586
 
KOLUMNE: IM SEPTEMBER
Schweigen, Peter Otten 588
 
STIFTUNG HIRSCHBERG 589
 
FAMILIENBUCH
Persönliche Nachrichten, Geburtstage, Unsere Toten 589
 
LETZTE SEITE 592

Hirschberg

ist die Zeitschrift des Bund Neudeutschland und die Mitgliederzeitschrift der KMF. Er erscheint monatlich – mit einer Doppelausgabe Juli/August – mit einem Schwerpunktthema und Berichten aus den Gemeinschaften im ND. Das Jahresabonnement kostet 38,5 Euro inklusive Versand und Mehrwertsteuer. Einzelne Hefte zu einem Preis von 5 Euro über die KMF-Geschäftsstelle.

Aus dem Hirschberg September 2016, „Der Gott der Gewalt“:

ND-Mitglied Dr. Heinz Schneppen hat in einem kritischen Vergleich die drei monotheistischen Religionen auf ihr Gewaltpotential hin untersucht. Der Artikel aus dem Hirschberg 09/2016:

Gewalt in den monotheistischen Religionen
Ein kritischer Vergleich

Religion und Gewalt sind eng miteinander verbunden. Alle drei
monotheistischen Religionen sind durch die Anwendung von Gewalt belastet
Heinz Schneppen

Meine Aufgabe ist es, die drei »monotheistischen« Religionen auf ihr Verhältnis zur Gewalt zu untersuchen. Es ist ein kritischer Vergleich. Methodisch scheint es mir wichtig, zwischen Lehre und Praxis zu unterscheiden. Dabei geht es mir mehr um die historische Dimension als um politische Aktualität.

Das Judentum 

1. Kritik am AT kommt von einem führenden Vertreter der Ägyptologie, dem Heidelberger Professor Jan Assmann. Dabei wird man Assmann zubilligen müssen, dass Ägyptologie weniger Sprachwissenschaft als Theologie oder doch Religionswissenschaft ist, sind doch im alten Ägypten Götter, Tod und Jenseitsvorstellungen von existentieller Bedeutung. Pharao Amenophis IV. (Echnaton) ging so weit, mit dem Sonnengott Aton den Monotheismus in Ägypten einzuführen, was sich allerdings als nicht durchsetzbar erwies.

Für Assmann ist Mose Jahrhunderte später zum eigentlichen Begründer des Monotheismus geworden. Mit seiner These von der sogenannten »mosaischen Unterscheidung« hat Assmann eine Diskussion angestoßen, die offenbar mehr Widerspruch als Zustimmung ausgelöst, aber zugleich neue Perspektiven eröffnet hat.1 Dabei geht es einmal um den Übergang von der Vorstellung eines polytheistischen Pluralismus zum Monotheismus, wie er auf dem Berg Sinai verkündet und in den ersten Geboten der Gesetzestafeln aufgezeichnet wurde. Hatten bisher die unterschiedlichsten Götter gewissermaßen in einem Götterpantheon koexistiert, wird jetzt mit der »mosaischen Unterscheidung« zwischen dem »echten« und »einzigen« Gott und den »falschen« Göttern unterschieden. Damit wird die Wahrheitsfrage, die Unterscheidung von »richtig« und »falsch«, in die Religion eingeführt.

Assmann sieht diese Unterscheidung folgenschwer, denn sie hat ihren Preis. Sie begründet eine bis heute nicht abgeschlossene Auseinandersetzung zwischen richtigen und falschen Religionen, die sich zum Teil bis aufs Messer bekämpfen, wie Geschichte und Gegenwart zeigen. Wo zuvor tolerante Indifferenz oder indifferente Toleranz herrschte, herrschen jetzt Monopol, Unterscheidung und Diskriminierung. Gab es zuvor Mythos und Kult, was viele Interpretationen zuließ, gibt es jetzt die »eindeutige Ausschließlichkeit« von Gesetz und Dogma.

2. Mit der Wahrheitsfrage stellt sich in der hebräischen Bibel auch das Problem der Gewalt. Denn man kann im AT auch eine Sammlung von Horrorgeschichten lesen. Sicher wird man etwa in den Büchern Judith und Esther bei der reaktiven Gewaltanwendung der Israeliten die Bedrohung berücksichtigen müssen, der sie ausgesetzt waren.

Einer anderen Kategorie aber sind die Texte zuzurechnen, die nicht referierend-chronistisch Geschichten erzählen, sondern wo auf Gottes Geheiß Tötungsaktionen durchgeführt oder angeordnet werden. So im Buch Exodus, wo beim Durchgang durch das Rote Meer Mose auf Gottes Weisung das Wasser so flutet, dass von den verfolgenden Ägyptern »kein einziger von ihnen mehr übrig blieb« (2 Mose 24). An anderer Stelle greift Gott selbst ein, wie das 2. Buch Mose (12,29) lakonisch berichtet: »Um Mitternacht begab es sich, dass der Herr alle Erstgeburt im Ägypterland vom Erstgeborenen des Pharao … bis zum Erstgeborenen des Gefangenen im Kerker und alle Erstgeburt des Viehs schlug.«

Im 4. Buch Mose (Numeri 31) fordert »der Herr« Mose auf, für die Israeliten an den Midianitern Rache zu nehmen. Mose schickt also von jedem Stamm 1000 Männer zum Kriegsdienst aus »und sie töteten alles, was männlich war.« Mit ihrer Beute zogen die Israeliten zu Mose ins Lager zurück, der erzürnt zu ihnen sprach: »Wie? Ihr habt alle Frauen am Leben gelassen? Sie sind es ja, die die Israeliten zum Abfall verführt haben. So tötet von den Kindern alle Knaben und von den Frauen jene, die schon mit einem Manne geschlafen haben. Aber alle Mädchen, die noch mit keinem Mann verkehrt haben, lasst für euch am Leben.« Hier ist aus dem Tötungsverbot [besser: Mordverbot] des Dekalogs eine religiös motivierte Tötungspflicht geworden (Vergewaltigung inbegriffen).

Josua war nach Mose Tod der »Führer der Israeliten«, wie es in meiner Übersetzung heißt. Es geht nach dem Exodus um die Eroberung des Landes, das Gott den Israeliten verheißen hatte. Dieses Land ist nicht leer, sondern muss denen, die es bewohnen, abgerungen werden:: Als die Israeliten die Stadt Jericho eingenommen hatten (Josua 6,21), »vollstreckten sie an allem, was zur Stadt gehörte, den Bann, an Mann und Frau, an Kind und Greis, an Ochsen, Schafen und Eseln mit des Schwertes Schärfe.«

Die Landnahme vollzog sich nicht auf friedliche Weise, sondern mit Gewalt. Alle Könige nahm Josua gefangen und tötete sie. Keine Stadt, die sich mit den Israeliten friedlich geeinigt hätte. »Denn so war es vom Herrn verhängt, dass er der Feinde Herz verstockte, sodass sie mit Israel den Kampf aufnahmen. Man sollte den Bann an ihnen vollstrecken, keine Schonung sollte ihnen zuteilwerden, man sollte sie vernichten, wie der Herr dem Mose befohlen hatte«.

Man könnte das Ganze auch als (ersten überlieferten) Genozid bezeichnen. Für viele orthodoxe Juden ist das Buch Josua gleichsam das Kataster Israels, das Grundbuch ihrer Existenz. Sicher hat es später andere Faktoren gegeben, die zu der heutigen Situation beigetragen haben. Aber die Genese des Nahost-Problems muss man in der Bibel suchen.

3. Über den Grausamkeiten des AT dürfen wir seine positiven Seiten nicht vergessen, auch wenn manches widersprüchlich bleibt. Die Friedensbewegung hat sich bei der Nachrüstungsdebatte das Prophetenwort von Jesaja und Micha zu eigen gemacht, »Schwerter in Pflugscharen zu verwandeln«. Befürworter der Pershing-Stationierung hätten sich ebenso auf das Wort des Propheten Joel berufen können, der in einer anderen Situation dazu aufgerufen hatte, »Pflugscharen in Schwerter umzuschmieden«. Niemand kann jedoch die eindrucksvollen Texte vergessen, die das AT nicht nur zu einem religiösen Grundwerk, sondern auch zu einem der wichtigsten Bücher der Weltliteratur machen. So sind die Psalmen nicht nur von großem religiösen, sondern auch von hohem literarischem Wert. Der Dramatik der Hiobgeschichte wird man sich ebenso wenig entziehen können wie den Weisheitssprüchen Salomos noch der mythischen Schöpfungsgeschichte. Das AT ist von Siegmund Freud bis Thomas Mann zu einer Quelle der Inspiration geworden und zum integralen Bestandteil unserer Kultur. Aber das AT zeigt auch paradigmatisch, wie sich Religion und Gewalt verbinden, angefangen schon bei der Geschichte von Kain und Abel. Sie erzählt symbolhaft, wie sich im Menschen Religion und Gewalt gemeinsam konkretisieren.

Das Christentum

Anders als im AT wird im Evangelium nirgends zur Gewaltanwendung aufgerufen. Im Gegenteil wird Petrus aufgefordert, sein Schwert in die Scheide zu stecken, wird dazu aufgefordert, dem, der schlägt, auch die andere Wange hinzuhalten. In der Bergpredigt werden die Friedfertigen gepriesen und die »Goldene Regel« des NT heißt : »Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.«

4. Man muss schon mit der Lupe suchen, um im NT einige Splitter zu finden, die man in die Nähe von Gewaltanwendung rücken kann: »Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert«, wie es bei Matthäus heißt (10,34). Anders ist es mit der Apokalypse des Johannes. Es fällt schwer, diese Prophetien nicht für Gewaltphantasien zu halten. Hier sind die Experten gefragt, um diesen Fremdkörper im NT zu erklären.

Die in den Evangelien überlieferte Verkündigung können viele ohne Einschränkung als gewaltfrei bewerten. Aber auch die mit dem Namen Jesu verbundene soziale und moralische Bewegung hat einen beeindruckenden Beitrag zur sittlichen wie kulturellen Entwicklung der Menschheit geleistet.

5. Aber in der Geschichtsschreibung wie vor Gericht gilt die Regel: Audiatur et altera pars (Man höre auch die andere Seite). Mir geht es nicht darum, nach bekanntem Muster eine »Kriminalgeschichte des Christentums« zu schreiben. Aber über den Aktiva dürfen wir in der Bilanz die Passiva nicht vergessen.

Gespannt war lange Zeit die Haltung der Kirche zu den Menschenrechten und zur Demokratie. Als in der französischen Revolution die Nationalversammlung sich zu den Menschenrechten bekannte, verurteilte Papst Pius VI. die » Missgeburt« der Menschenrechtserklärung und die darin proklamierten Freiheitsrechte.2 Auch wenn Leo XIII. (1878 – 1903) manche Aussagen seiner Vorgänger nuancierte, hielt er doch daran fest, dass die willkürlich ersonnene Lehre von der Volkssouveränität eine Häresie sei.

Das Element der Gewalt betrifft auch die Sanktionen, die jene trafen, deren Glaubensverständnis nicht der dogmatisierten Lehre entsprach oder die Praktiken der Kirche in Frage stellte. Im Hinblick auf spätere Zeiten mag es allerdings überraschen, dass es im ersten Jahrtausend nur ein einziges Häresieverfahren mit Todessanktion gegeben hat. Augustinus hatte die Richtung vorgegeben, als er sich auf das Gleichnis vom Unkraut im Weizen bezog, das man nach Jesu Worten (Matth 13,30) bis zur Ernte wachsen lassen und damit Gott überlassen sollte.

Später hat Augustinus in der Auseinandersetzung mit den Donatisten seine Meinung zur Freiwilligkeit des Glaubens zum Teil korrigiert und ein gewisses Maß an Nötigung für erforderlich gehalten, was er mit dem Gleichnis vom Gastmahl (Lk 14,23) begründet hat. Dort gibt der erzürnte Gastgeber seinem Knecht angesichts der vielen Absagen die Weisung, auf die Landstraße zu gehen und die Passanten »zu nötigen, hereinzukommen, damit sein Haus voll werde «. »Compelle entrare«, wie es in der Vulgata heißt. Augustinus hat dabei an Rutenschläge, Verbannung, Vermögensstrafen gedacht, den Einsatz von Folter oder gar die Todesstrafe abgelehnt. Die Freiheit der Bekehrung ist später kirchenrechtlich in den Dekreten Gratians festgeschrieben worden, wo es heißt: ad fidem nullus est cogendus, zum Glauben darf niemand gezwungen werden. Thomas von Aquin erklärte seinerseits: Von den Ungläubigen haben einige niemals den Glauben angenommen, so die Heiden und Juden. Solche sind denn auf keine Weise zum Glauben zu zwingen, denn der Glaube ist Sache des (freien) Willens. Gab es keinen Zwang zum Glauben, war es anders, wenn Gläubige, das heißt Getaufte, die herrschende Lehre unorthodox interpretierten. Die Thesen des Scholastikers Abaelard wurden verworfen, seine Bücher verbrannt, aber nicht er selbst. Manche Thesen und Schriften von Meister Eckart wie auch von Joachim von Fiore sind als häretisch verworfen, nicht aber die Personen als Häretiker verurteilt worden.

6. Allerdings ist es im Laufe der Zeit nicht bei dieser milden Form der Zensurierung geblieben, wofür die Fälle von Hus und Savonarola als Beispiele dienen, die beide den Flammen überantwortet wurden. Sicher hätte auch Martin Luther damit rechnen müssen, hätten ihn nicht deutsche Fürsten geschützt. Aber wenn es auch Vertreter der Kirche waren, die Luther der weltlichen Gewalt denunzierten, war es letztlich die weltliche Gewalt in der Person von Karl V., die aus eigener Zuständigkeit das Urteil über Luther gesprochen hat.

Denn in einer Zeit, in der weltliche und geistliche Gewalt symbiotisch verbunden waren, war immer auch die weltliche Obrigkeit betroffen. Aber die Sanktionen, die lange nur den Charakter einer juristischen Drohung besaßen, wurden im hohen Mittelalter faktisch realisiert. Als die »Ketzerbewegung« sich zu einem Massenphänomen entwickelte, wurden Katharer, Waldenser wie Franziskanerspirituale in größerer Zahl getötet. Überliefert ist von dem Zisterzienser Caesarius von Heisterbach, wie im Feldzug gegen die Katharer die Bürger der südfranzösischen Stadt Beziers unterschiedslos, ob rechtgläubig oder Ketzer, niedergemetzelt wurden, was man nach 2. Tim 2, 19 damit begründet haben soll, dass »Gott die Seinen schon erkennen werde«.3

Jetzt wurde das Gleichnis vom Unkraut anders gelesen. Denn der Kirche sei es wie dem Winzer und Bauern sehr wohl möglich, das Unkraut der Häresie eindeutig zu erkennen. Nicht dürfe der Unschuldige verdammt, aber auch der Schuldige nicht freigesprochen werden. Auch Thomas von Aquin schwankt zwischen Zwang und Toleranz. Einerseits bekennt er sich zum Gleichniswort: »Lasst beides wachsen«, hält aber im Sinne des »compelle entrare« die Nötigung zum Glauben durch körperliche Zwangsmaßnahmen (corporaliter compellendi) für berechtigt. »Hartnäckige Ketzer verdienen, nicht nur von der Kirche durch den Bann ausgeschieden, sondern auch durch den Tod aus der Welt ausgeschlossen zu werden.«4 Wenn schon Münzfälscher staatlicherseits den Tod erführen, könne umso mehr auch der Häretiker rechtens getötet werden.5 Ist die eigene Religion die einzig wahre, sind die anderen folglich falsch – und entsprechend zu behandeln. Inquisition und Hexenverfolgung dienten dazu, die Reinheit von Glaube und Sitte zu bewahren, auch durch Folter. Vom Hexenwahn wurden beide christlichen Konfessionen erfasst, wenngleich gerade im romanischen Süden der Hexenwahn im Vergleich zum germanischen Norden eine Randerscheinung blieb. Während in Deutschland die Inquisition nur eine geringe Rolle spielte, erlangte sie in Spanien und Italien größere Verbreitung. Während die spanische Variante der Inquisition den Akt der Urteilsvollstreckung triumphalistisch in eine Glaubensdemonstration (autodafé) verwandelte, verbindet sich in Italien die Inquisition vor allem mit dem Fall von Giordano Bruno, der auf dem Blumenmarkt in Rom verbrannt wurde, hatte er doch provozierend die Substanz des Glaubens bezweifelt und geschmäht. Komplizierter ist der Fall Galilei, wo der Dissens von Glaube und Wissen durch den Widerruf von Galilei formal aufgehoben wurde, was Galilei vor kirchlichen Sanktionen bewahrte, aber das Ansehen der Kirche bis heute beschädigt hat. Inquisition wie Hexenwahn und die damit verbundene Gewaltanwendung sind eine Schande für das Christentum.

7. Das war aber auch (wir schalten zeitlich zurück) die Zwangschristianisierung im frühen Mittelalter im Zuge der Ausweitung des Herrschaftsbereichs der Karolinger und Ottonen nach Osten. Hier wirkten Kirche und weltliche Herrschaft Hand in Hand, was sich sowohl durch die sakral verstandene Rolle von Kaiser und König wie auch durch die Doppelfunktion der Bischöfe als Kirchenfürsten und Territorialherrscher ergab. Maßgeblich war dabei das Konzept von der Einheit des »imperium«, wie es die Spätantike praktizierte. Hatte Kaiser Konstantin die Christen toleriert oder privilegiert, so machte sein Nachfolger Theodosius das Christentum zur Religion des Reichs. Seit Justinian verstand sich der oströmische Kaiser von Byzanz als Missionar, wodurch sich aus jeder Ausweitung des Reichs gleichzeitig die Christianisierung ergab. Reichszugehörigkeit erforderte Christlichkeit. Dies führte konsequent zur Nötigung der Taufe und letztlich zur Alternative von Taufe oder Tod.6

Aber es war nicht nur die Nötigung der Gewalt, die die Taufe erzwang. Für viele hatte sich einfach der Christengott als der Stärkere, das Christentum als die attraktivere Option erwiesen. Dies erklärt auch die Christianisierung der Germanen unter den Karolingern: es war sowohl die »Verführung« der neuen Lehre wie die latente oder offene Gewalt, die Europa christlich und Karl den Großen zum »Vater des Abendlandes« machten. Auch wenn man das Ergebnis bejaht, wird man eine Methode ablehnen müssen, die sich auch der Gewalt bediente.

8. Stärker noch als die Zwangschristianisierung haben sich vor allem die Kreuzzüge als »Heilige Kriege« der Christenheit in das historische Gedächtnis eingegraben.

Auch wenn die Kreuzzüge unterschiedliche Ursachen haben, war doch das religiöse Motiv dominant. Es war Papst Urban II., der 1095 die christliche Ritterschaft animierte, das Heilige Land von der islamischen Herrschaft zu befreien, wobei er entsprechende Kreuzzugs-Ablässe in Aussicht stellte und das militärische Unternehmen zur Wallfahrt und Bußübung deklarierte. Nicht zuletzt Bernhard von Clairvaux hat den Ritterdienst spirituell überhöht, indem er betonte, wie verdienstlich es sei, »mit dem eigenen Schwert für Gott zu streiten«.7
Einhellig hat die Forschung im Hinblick auf die Einnahme von Jerusalem von einem Blutbad gesprochen. Die Besudelung der heiligen Stätten durch die Heiden (!), so die zeitgenössische Argumentation, habe man nur durch Blut reinigen können.

In jedem Fall haben in der islamischen Überlieferung die Kreuzzüge als machtpolitische europäische »Kolonialkriege« ihren festen Platz. In heutiger Sicht werden wir die Kreuzzüge nicht als Heilige Kriege, sondern als Pervertierung des Christlichen betrachten.

Schon im 17. Jahrhundert hatten sich aus der spanisch-jesuitischen Spätscholastik Ansätze einer neuen Völkerrechtslehre entwickelt, die auch für die Kolonisierung und Christianisierung der Neuen Welt nicht ohne Bedeutung blieben. Aber was durch den Dominikanerbischof Las Casas Indios zu Gute kam, wurde den Schwarzafrikanern zum Verhängnis, denn sie sollten als importierte Sklaven leisten, wozu die Indios physisch nicht in der Lage waren. So kann eine gut gemeinte Entscheidung auch das Gegenteil bewirken.

9. Während in der Neuen Welt die Zwangsmissionierung der Indios vollzogen wurde, standen sich in der Alten Welt Katholiken und Protestanten unversöhnlich gegenüber. In der Reformation richteten sich Luthers Gewaltaufrufe auch gegen Bauern, Juden und Türken. In Frankreich kam es in der Bartholomäusnacht 1572 zum Massaker an den Calvinisten, dem Tausende zum Opfer fielen. Gregor XIII. ließ in Rom aus diesem Anlass ein Te Deum singen. Wenig später tobte in Deutschland der Dreißigjährige Krieg, den ein amerikanischer Politologe neulich mit den Kämpfen im Nahen Osten verglichen hat.9

Erst der Westfälische Friede von 1648 setzte der von Christen aller Konfessionen ausgeübten Gewalt ein Ende und sicherte den religiösen status quo. Während Europa mit sich selbst beschäftigt war, hatten nach dem Fall Konstantinopels 1453 die Osmanen sich auf dem Balkan positioniert und standen vor Wien. Damit sah sich Europa erneut vom Islam bedroht, der im frühen Mittelalter seinen Einflussbereich zeitweilig über die Pyrenäen ausgedehnt hatte, bevor die Muslime von den spanischen Herrschern in der reconquista vom europäischen Festland vertrieben wurden. Die Juden wurden gleichfalls unterdrückt, um so Spanien gänzlich von den »Ungläubigen« zu befreien. 

Der Islam

Das Bild des Islam war in der christlich geprägten Geschichte durchweg negativ besetzt. Denn der Islam hatte sich zur einzigen Konkurrenz und Bedrohung des Christentums entwickelt. In seiner Summa contra Gentiles setzt sich Thomas von Aquin kritisch mit Mohammed auseinander, dem er vorhält, die Völker durch das Versprechen fleischlicher Genüsse zu verlocken. Das Wahre, was er lehre, habe er mit Fabeln und grundfalschen Lehren vermischt. Für Thomas steht fest, dass die, die seinen Lehren Glauben schenken, leichtfertig glauben.9 Dante hat in seiner Divina Comedia Mohammed karikiert. Erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil hat sich in der katholischen Kirche eine positivere Wertung des Islams angebahnt.

10. Vergleicht man die »Biographien« von Jesus und Mohammed, ihre Lehre und ihr Werk, so zeigen sich Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Gemeinsam sind beiden die einfache Herkunft, aber auch das Gefühl einer besonderen Berufung und ihr sich daraus ergebender missionarischer Geist. Aber während Jesus die marginale, ja prekäre Existenz eines Wanderpredigers führte, hat es Mohammed durch die Heirat mit einer reichen Kaufmannswitwe schon früh zu Wohlstand gebracht. Wenn es beim Evangelisten Johannes heißt, dass das Wort, der logos, »Fleisch« geworden sei, so ist im Islam Gott zum »Buch« geworden. Dieses Buch hat Allah Mohammed als seinem Propheten über den Erzengel Gabriel offenbart. Der Prophet wurde zum Heerführer und Staatsgründer, der sein Ziel der Vereinigung der arabischen Stämme durch die ihm zuteil gewordene Offenbarung religiös legitimierte, wobei die Anwendung von Gewalt nicht ausgeschlossen war. Unter seinen Nachfolgern erstreckte sich der Islam vom Atlantik bis zum Euphrat und darüber hinaus. Jesus wie Mohammed haben, wenn auch auf unterschiedliche Weise, die Weltgeschichte geprägt.

11. Im Koran finden sich zahlreiche Anleihen aus dem AT, von Abraham bis Mose, aber auch aus dem NT. Jesus ist, hochgeachtet, der letzte der vor Mohammed erschienenen Propheten, Maria seine verehrte Mutter. Aber so wie Jesus auf der Grundlage des strengen Monotheismus die Gottessohnschaft abgesprochen wird, so Maria entsprechend der Titel der »Gottesmutter«. Jesu Tod am Kreuz sei nicht real, sondern fiktiv, ist doch die schändliche Kreuzigung nicht mit seinem Prophetentum vereinbar.

In der Sicht des Islams stellt der Koran die Offenbarung wieder her, die in AT und NT grundgelegt wurde, aber später von Juden und Christen verzerrt worden sei. Der Gott des Islams ist inkommensurabel. Er ist allwissend, unbeschränkt, allmächtig: Herr über Leben und Tod und am Gerichtstag ein gerechter Richter. Aber er ist auch gütig, verzeihend und barmherzig. In den »fünf Pfeilern des Islams« ist die Pflichtenlehre der Muslime definiert: (1) das Bekenntnis zum einen und einzigen Gott, (2) das Ritualgebet, das den Tag strukturiert, (3) die Pflicht zum Almosen für die Armen und Kranken, (4) das Fastengebot für den Monat Ramadan und (5) die Pilgerfahrt nach Mekka, sofern hierzu die Voraussetzungen gegeben sind. 

Aber der Koran belässt es nicht bei der Pflicht. Sure 5:28 wird manchen an die Bergpredigt erinnern, wenn es dort heißt: »Wahrlich streckst du auch deine Hand zu mir aus, um mich totzuschlagen, so strecke ich doch nicht meine Hand zu dir aus, um dich zu erschlagen. Siehe: ich fürchte Allah, den Herrn der Welt.« Aber immer wieder begegnen wir im Koran auch der Sprache der Gewalt,  und auch in der islamischen Realität.

»Gewalt« kann nicht nur als »physische«, sondern auch als »strukturelle Gewalt« wirksam werden, die sich aus den gesellschaftlichen oder religiösen Verhältnissen ergibt. Sind nach christlichem und westlichem Verständnis alle Menschen »gleich«, gleich vor dem »Schöpfer« wie vor dem Gesetz, so ist im islamischen Rechtssystem die Gattung Mensch anders strukturiert. Denn der männliche Mensch ist dem weiblichen überlegen, was sich nicht nur auf die Religion, sondern auch auf andere Lebensbereiche bezieht. Andererseits war im Erbrecht und in der Verfügung über ihr Vermögen die muslimische Frau besser gestellt als ihre christliche Zeitgenossin.

12. Differenzen zwischen islamischem und westlichem Recht werden heute in der öffentlichen Diskussion nicht immer sachlich dargestellt. Dabei wird die Scharia, das islamische Recht, oft auf das Strafrecht reduziert, obwohl die Scharia auch das Zivilrecht, etwa das Familien- und Erbrecht, umfasst. Das Strafrecht aber wird vor allem in der Form präsentiert, wie es in Saudi-Arabien oder im Iran Anwendung findet.

Man wird es dem islamischen Kulturkreis einräumen müssen, sein Familien- und Erbrecht nach den Vorstellungen der Scharia zu regeln. Es ist m.E. auch nicht zu beanstanden, wenn Schariarecht dieses Bereichs in eher seltenen Fällen auch in der Bundesrepublik im Rahmen des internationalen Privatrechts (IPR) Anwendung findet, sofern dies nicht mit dem ordre public, d. h. den Grundsätzen des deutschen Rechts in Widerspruch steht.

Anders ist es in Strafrecht und Strafvollzug, wo internationale Menschenrechtskonventionen und allgemeine Regeln des Völkerrechts gelten oder westliches Rechtsverständnis von Bedeutung ist. Emotional wird es, wo sich in der westlichen Kritik eine apodiktische Moral mit politischen Motiven verbindet. Dabei wird oft ausgeblendet, dass Strafrecht und Strafvollzug der Scharia eine Praxis konservieren, die bis vor 50 oder 80 Jahren auch in manchen westlichen Ländern als normal angesehen wurde, wie der Vollzug der Todesstrafe durch das Beil des Henkers, bis Ende der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch in öffentlicher Form. Sicher werden wir manche Strafen als unbegründet, inhuman, »barbarisch« oder »unverhältnismäßig« ablehnen, wie (früher) die Kreuzigung (bei Raubmord) oder noch heute die Auspeitschung bei bestimmten Sexualdelikten. Allerdings sind dabei die Anforderungen an den Zeugenbeweis so hoch, dass die Voraussetzungen für den Schuldspruch oft schwer zu erbringen sind. Sicher werden wir bei Diebstahl das Abschlagen der rechten Hand und bei Wiederholung des linken Fußes nicht als angemessene Strafe betrachten10. Dennoch ist es auch hier die Pflicht des Historikers, sich um eine Erklärung zu bemühen, die ja nicht Billigung bedeutet. Manches lässt sich im historischen Rückblick durch die Bedingungen einer mobilen Nomadengesellschaft erklären, in der es weder eine ortsgebundene Justiz noch Haftanstalten gab. Manches Delikt, wie der Totschlag, war ohnehin der Scharia entzogen, wo es der geschädigten Partei oblag, den Vorfall, sei es mit »Blut oder mit Blutgeld«, selbst zu regeln. Während einige Rechtsregeln noch in die vorislamische Zeit reichen, sind andere Sanktionen eng mit dem Islam verknüpft. Sind Scharia und Islam auch eng verknüpft, so unterliegt die Scharia auch Einflüssen aus vorislamischer Zeit. Denn manches, was wir heute als islamisches Sonderrecht betrachten, findet sich auch im AT. Noch im NT hat bekanntlich die Steinigung bei Ehebruch ihren Niederschlag gefunden (Joh 8,10).

13. Stärker als die innerislamische Rechtspraxis berühren uns die Regelungen, die die Stellung der Nichtmuslime im islamischen Rechtssystem betreffen. Denn im islamischen Recht, das mit der Religion identisch ist, stehen sich die Rechtskreise des »Friedens« und des »Krieges« antagonistisch gegenüber, solange die Welt noch nicht dem Islam unterworfen ist. Dem Nichtmuslim standen angesichts des vordringenden Islams für seine Entscheidung folgende Optionen zur Verfügung: Sofern er »Götzendiener«, also Heide war, was auf die Mehrheit der Araber zur Zeit Mohammeds zutraf, verfügte er nur über die Alternative: »Bekehrung oder Tod«. War der Nichtmuslim Jude oder Christ, konnte er sich zwischen drei Möglichkeiten entscheiden: (1.) zum Islam konvertieren, (2.) den Tod in Kauf nehmen oder (3.) sich als »Anhänger des Buches«, das heißt der im AT oder NT enthaltenen »Teiloffenbarung« für den Status des »Dhimmi« entscheiden. Dies privilegierte ihn gegenüber den »Heiden«, diskriminierte ihn gegenüber den Muslimen, da damit eine begrenzte Einschränkung seiner Rechte und ein finanzieller Tribut verbunden waren. Nicht gestattet war jüdischen wie christlichen Gemeinschaften der Neubau von Synagogen oder Kirchen. Aber in den bestehenden Gebäuden konnten beide ihren Glauben weiter praktizieren. In ihrem religiösen Innenleben waren sie weitgehend frei. Dabei hat sich im Lauf der Zeit dieser Zustand durch Interventionen christlicher Mächte in manchen Ländern noch verbessert. So konnten etwa im Irak und in Syrien die dort seit fast 2000 Jahren lebenden Christen unterschiedlicher Denominationen bis vor kurzem ihr religiöses Eigenleben führen. Demgegenüber sind heute Rechte und Möglichkeiten christlicher Konfessionen entweder (wie im Iran) sehr begrenzt oder (wie in Saudi-Arabien) praktisch nicht existent. Selbst in der laizistischen Türkei wird man im Zeichen einer wachsenden Re-Islamisierung von Religionsfreiheit nicht sprechen können. Heute sind wir mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass nicht nur die in bestimmten islamischen Ländern lebenden Christen, sondern auch die in islamischen Ländern lebenden Muslime vor der »islamistischen« Bedrohung ihre Heimat verlassen und in »christlichen« Ländern Asyl und Sicherheit suchen.

14. Das Thema »Religion und Gewalt« konkretisiert sich im Islam am stärksten im Begriff des »Dschihad«. War die Ausbreitung der im Koran verbürgten Offenbarung mit der territorialen Ausdehnung des Islam identisch , so war der Dschihad das Mittel zum Zweck. Zunächst hat Mohammed gegen die Mekkaner und die in Medina lebenden Juden Krieg geführt, mit deren Unterstützung Mohammed gerechnet hatte. Enttäuscht richtete er unter dem jüdischen Stamm der Quraiza ein Massaker an, als sich diese neutral verhielten. Schwankt auch in der islamischen Geschichtsschreibung die Zahl der getöteten Gefangenen zwischen 40 und 900, so ist die Bluttat selbst im Koran verbürgt (33:26).

Sicher finden sich im Koran zahlreiche Aussagen, die die Barmherzigkeit des Islam bezeugen. Aber Koran und Sunna belegen auch im Detail das im Dschihad wirksame oder nachwirkende Gewaltpotential: 

In der Sure 9:5-6, die sich offensichtlich auf die Heiden bezieht, heißt es: »Sind die heiligen Monate vorüber, dann tötet die Götzen
diener, wo ihr sie auch findet, fanget sie ein, belagert sie und stellt ihnen nach aus jedem Hinterhalt. Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und den Armenbeitrag entrichten, so lasset ihnen ihren Weg.«

Mohammed motiviert seinerseits die Muslime für den Dschihad, wie sich aus dem Hadith ergibt: »Gott unterstützt den, der für den Pfad Gottes kämpft. Wenn er überlebt, kehrt er mit Ehren und Beute beladen nach Hause zurück. Wird er aber getötet, wird er ins Paradies gelangen.«

Viele heutige Muslime sehen im Dschihad ein Phänomen der Vergangenheit oder interpretieren ihn als eine unkriegerische sittliche oder religiöse Anstrengung, sozusagen als eine Form von Askese. Fundamentalistische Muslime bewerten dagegendas Gebot des Dschihad als einen allzeit gültigen Aufruf zur Verbreitung des Islams in der Welt auch mit den Mitteln der Gewalt.

15. Gegen manche Zitate ist vielfach von Muslimen unter Berufung auf andere Texte Einspruch erhoben worden. Navid Kermani, im Islamdialog ein Name von Gewicht, hat zurecht darauf verwiesen, dass der Koran »nur in der Gesamtheit seiner Aussagen und den Bedingungen seiner Genese verstanden werden kann.«11 An anderer Stelle schreibt Kermani: »Unter den Versen, die Muslimen zum Nachweis ihrer eigenen Friedfertigkeit dienen, ist der beliebteste gewiss Sure 2:256; ‚Kein Zwang in der Religion‘«. Auch Sure 5:32, so Kermani, scheint den Humanismus des Islams zu unterstreichen: »Wenn man einen Menschen tötet, ist es, als töte man die ganze Menschheit.«12

Problematisch ist, dass Kermani den Text über den nichtexistenten »Glaubenszwang« nicht voll zitiert und ihn nicht interpretiert. Der von Kermani einerseits als Arabist und Islamwissenschaftler hochgeschätzte, als Dialogpartner in der deutschen Islam-Konferenz jedoch von ihm eher kritisch bewertete Tilman Nagel hat den Text anders übersetzt und im Kontext anders interpretiert.13 Gemeint sei, dass die Glaubenspraxis für den, der glaubt, keinen Zwang bedeute. Nagel stellt fest: Von einer freien Wahl unter mehreren gleichberechtigten Religionen ist in Sure 2:256 nicht die Rede.14 Diese Sure (Kein Zwang im Glaube) ist nicht mit Sure 16:116 vereinbar, wo es zur Apostasie heißt, dass »Allahs Zorn und furchtbare Strafen« denen angedroht werden, die aus freien Stücken den Islam verlassen.15

Verkürzt und dadurch im Ergebnis irreführend ist auch Kermanis Fassung von Sure 5:32, die hier zum direkten Vergleich noch einmal zitiert wird: »Wenn man einen Menschen tötet, ist es, als töte man die ganze Menschheit.«16 Im Koran heißt es aber: »Aus diesem Grund haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.«

Quelle des Korantextes ist die Mischna Sanhedrin (IV, 5), also ein jüdischer Text, der sich an das Israelische Volk richtet. In der Mischna heißt es entsprechend: »Wer eine Person in Israel vernichtet, so zu betrachten ist, als habe er die ganze Welt vernichtet , wer aber jemanden in Israel erhält, so betrachtet wird, als habe er die ganze Welt erhalten.«17 Damit wird das sogenannte »islamische Tötungsverbot« des Korans als Text eines jüdischen Kommentars zum AT identifiziert. Aber der »Verfasser« des Korans hat den Mischnatext zugleich modifiziert und das Tötungsverbot der Mischna islamischen Verhältnissen angepasst und durch das Gebot der Blutrache eingeschränkt. Denn die Pflicht zur Vergeltung hob, sofern nicht ein geldlicher Ausgleich erfolgte, das Tötungsverbot auf, das natürlich auch im Dschihad keine Anwendung fand.18 Das viel zitierte »Tötungsverbot« des Islams wird so aus dem Kontext gelöst und falsch verwendet.

Angesichts des von fundamentalistischen Gruppen (Boko Haram, Salafisten, Taliban, Al Qaida, Islamischer Staat IS) praktizierten Terrors betonen hochrangige Vertreter und Interpreten des Islams – Einzelpersonen wie Verbände –, dass die genannten Organisationen nichts mit dem Islam zu tun hätten und ihr Terrorismus nicht den friedlichen Muslimen zuzurechnen sei. Hat aber der Islam nichts mit dem Islamismus zu tun, stellt sich gleichwohl die nur scheinbar paradoxe Frage, ob denn der Islamismus etwas mit dem Islam zu tun habe.

Denn es scheint evident, dass der fundamentalistische Islam sich auf Elemente des Korans beruft, um sein Handeln zu legitimieren. Dabei ist es für die Praxis ohne Bedeutung, ob es sich dabei um eine korrekte Auslegung des Korans oder um subjektive, selektive oder verzerrende Fehldeutungen handelt.

Der Islam scheint mit sich selbst im Konflikt. Der innere Dissens wird noch durch die konkurrierenden Kräfte von Sunna und Schia akzentuiert, deren Vormächte Iran und Saudi-Arabien sowohl extreme wie widersprüchliche Positionen vertreten. Während sich die Schia auf den Iran und Teile des Irak stützt, hat die Tendenz zum puristischen »Wahabismus« saudischer Prägung inzwischen auch andere Länder des Nahen Ostens erfasst. Es ist nicht zuletzt die »reine« Lehre des Wahabismus, die mit ihrer Rückkehr zu den Anfängen des Islams Muslime zum Fundamentalismus führt und auch Nichtmuslime zum Einsatz für den Islamischen Staat motiviert.

Die Gewalt der Religion

Ich habe darzulegen versucht, dass Religion und Gewalt eng miteinander verbunden sind, wenn auch in unterschiedlichem Maße und zu unterschiedlichen Zeiten. Sind in der universalhistorischen Bewertung somit alle drei monotheistischen Religionen durch die Anwendung von Gewalt belastet, wird man doch im Detail differenzieren und auch den Zeitfaktor berücksichtigen müssen. Denn nicht alle kulturellen Entwicklungen vollziehen sich in der gleichen historischen Zeit.

Das Judentum hat den Zenit der Gewaltanwendung schon in den vorchristlichen Jahrhunderten erreicht. Seitdem sind Juden vor allem zu Opfern geworden, wie sich in Pogromen und mörderischen Exzessen des (christlichen!) Mittelalters, vor allem aber auch im Genozid des Holocaust zeigt, an dem nota bene »Christen« maßgeblich beteiligt waren. Erst im Rahmen des Nahostkonflikts sind auch Juden wieder zu Tätern geworden. Gerade in der Auseinandersetzung von Arabern und Israelis, von Muslimen und Juden wird die enge Verflechtung von Religion und Gewalt manifest. Aber auch in anderen Konstellationen haben Politik und Religion Gewalt erzeugt und in der Geschichte ihre Spuren hinterlassen. So wie das Krummschwert des Propheten dem Halbmond des Islam den Weg bereitete, so hat auch das Schwert der Ritterorden dem Kreuz den Weg geebnet. Der Weg zum christlichen Himmel wie zum islamischen Paradies war in der Vergangenheit mit Gräueln gepflastert und mit Blut getränkt. Sucht man zum Furor des Islamismus und zum Dschihad des Islams eine Parallele, mag man sie in den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts finden, als sich die christlichen Konfessionen in »Gottes Namen« mit Krieg überzogen und dabei die Hilfe der muslimischen Osmanen nicht verschmähten. Vergleicht man Christentum und Islam, wird man in manchen Zeiten den Islam als die tolerantere Religion bezeichnen müssen. Denn unter dem Augsburger Prinzip des cuius regio, eius religio von 1555 blieb denen, die sich zu ihrem Glauben bekannten, oft nur der Weg ins Exil, während der Islam im osmanischen Reich den Christen, wenn auch begrenzt, die Freiheit der Religionsausübung konzedierte. Vergleicht man das Gewaltpotential und die Gewaltanwendung der Religionen, kommt es immer auf den Zeitpunkt an. Während das Christentum seit langem pazifistische Züge angenommen hat,  belebt sich in Israel/Palästina ein Konflikt, dessen Wurzeln in die biblische Vergangenheit reichen. Alles aber wird gegenwärtig von der Bedrohung eines fundamentalistischen Islams überschattet, der sich mit aggressiver »Gewalt« identifiziert und seine Legitimation zum Mord auch von der Religion ableitet. 

Papst Franziskus hatte auf seiner Afrikareise 2015 einen Zusammenhang von Religion und Gewalt in Zweifel gezogen und, nach Medienberichten, kategorisch festgestellt: »Religiöser Fundamentalismus ist nicht religiös, weil Gott darin fehlt.«19 Denn wer an Gott glaube, müsse ein Mann des Friedens sein. Später hat Franziskus diese Aussage korrigiert, als er auf dem Rückflug vom Weltjugendtreffen 2016 in Krakau gegenüber Journalisten betonte, dass es »in fast allen Religionen« immer auch kleine fundamentalistische Gruppen gebe: »Auch bei uns.«20 Das ist sicher richtig. Aber diese Formel vereinfacht das komplexe und ambivalente Verhältnis von Religion und Gewalt, wie sich in Gegenwart und Vergangenheit zeigt. Denn Religion hemmt und erzeugt Gewalt. Religion ist das Fundament des Fundamentalismus, auch wenn dieser die Religion pervertiert.

Verweise

1 Jan Assmann, Die mosaische Unterscheidung. Oder der Preis des Monotheismus, München 2003.

2 Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2009, 138

3 Angenendt, S. 268.

4 Angenendt, S. 256.

5 Häresiarch: Prominenter Vertreter einer unorthodoxen Lehrmeinung.

6 Angenendt, S. 380.

7 Angenendt, S. 424.

8 John M. Owen IV, From Calvin to he Caliphate, Foreign Affairs 94,3, May June 2015, 77-89.

9 Thomas von Aquin, Summa contra gentiles. Lateinisch und deutsch, Buch I, Kapitel 6 , S.21-22

10 Koran 5:38. Und der Dieb und die Diebin: schneidet ihnen ihre Hände ab als Lohn für ihre Taten. Dies ist ein Exempel von Allah undAllah ist mächtig und weise.

11 Navid Kermani, Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, München 2015, S. 106.

12 Kermani, S. 104.

13 Nagel, Angst vor Allah? Auseinandersetzungen mit dem Islam, Berlin 2014, S. 364-368.

14 Nagel, S. 365. Kritisch zur traditionellen Interpretation auch Rudi Paret, Der Koran. Kommantar und Konkordanz,Stuttgart 1977, 54f.

15 Nagel, S. 351f. Der so zitierte Text ist auch auf den Widerspruch islamischer Gelehrter gestoßen.

16 Kermani, S.104.

17 Nagel, S. 374. Paret, Der Koran, S. 120.

18 Nagel, S. 375.

19 Geyer in FAZ 02.12.2015, S. 12
20 Bremer, in : FAZ 02.08.2016, S. 5

Bei dem Artikel handelt es sich um die bearbeitete und stark gekürzte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser im Februar 2016 in der Berliner Erich-Klausener-Gruppe des ND gehalten hat.

Bbr. Dr. Heinz Schneppen hat Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. 1960 trat er in den Auswärtigen Dienst ein, er war Botschafter in Paraguay und Tansania. Als Historiker publizierte er u.a. 2011 die Biografie des Organisators der nationalsozialistischen Gaswagenmorde, Walther Rauff.